Psychologen arbeiten heute grossmehrheitlich in der helfenden Psychologie (Beratungen, Therapie) und sind auch darin ausgebildet. Das ist durchaus sinnvoll, denn der Bedarf ist hier am grössten. Hilfe suchende Menschen sind meist bemüht, ihre Situation möglichst ehrlich zu schildern – eine Voraussetzung für wirksame Hilfe.

Ganz anders verhält es sich in der Forensik und Kriminalpsychologie: Nur sehr wenige Psychologen sind darin ausgebildet oder arbeiten gar in einer entsprechenden Institution. Doch gerade hier finden wir viel Lehrreiches, was sich auch auf das Thema Mobbing übertragen lässt.

In seinem Buch „Bestie Mensch“ beschreibt der Kriminalpsychologe Thomas Müller, der früher bei der Polizei gearbeitet hatte, wie er einmal in der Osterwoche einen Kurs über Tatort-Analyse leitete. Unter seinen Teilnehmern waren brillante Köpfe der Psychiatrie und der forensischen Psychologie, die aber teilweise zum ersten Mal Tatortbilder sahen und erschreckt feststellen mussten, wie viel Informationen ihnen bisher verborgen geblieben waren. Thomas Müller teilte die Teilnehmer in zwei Gruppen, die sich mit einem Mörder befassten. Die eine erhielt die üblichen theoretischen Informationen (Urteil, Gutachten eines Kollegen aus der Hauptverhandlung, ein paar medizinische Daten). Diese Gruppe erlebte den Mörder als freundlich und offen und glaubte seinen Darstellungen einer aussergewöhnlichen Stress-Situation. Doch die zweite Gruppe hatte die Tatortbilder gesehen, die auf einen eiskalt geplanten sadistischen Mord hinwiesen…

Die Schwierigkeit ist, dass so etwas für die meisten Menschen nicht nachvollziehbar ist. Thomas Müller wählte deshalb als Leitsatz für sein Buch treffend den einst vom Schriftsteller John Steinbeck stammenden Satz: „Es gibt Menschen, die in Erfahrungswelten leben, die wir nicht betreten können.“

Es erscheint mir an dieser Stelle wichtig, festzustellen, dass dies ebenso für schwere Mobbing-Taten zutrifft, wo die Täter oft Tatsachen völlig anders darstellen, herabspielen oder verschleiern. Die meisten Menschen rechnen mit so etwas nicht und die Täuschungsmanöver werden von ihnen deshalb meist ungenügend oder gar nicht bemerkt.


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Es ist nicht entscheidend, was jemand sagt, sondern wie er handelt. — Keine Kommentare

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