Selbsthilfegruppen

Bei Therapien und Beratungen geht es um Hilfe zur Selbsthilfe. Es gibt dabei eine klare Rollenverteilung: Die Therapeuten und Berater sind in der helfenden, die von einem Problem Betroffenen in der empfangenden Rolle. Was natürlich nicht heisst, dass Therapeuten nicht auch von ihren Klienten durch die Erfahrung mit ihnen lernen.

Anders ist das Konzept der Selbsthilfegruppen: Hier treffen sich von gleichen oder ähnlichen

Problemen Betroffene ohne eine Leitung durch eine Fachperson. Es geht um den ebenbürtigen Austausch untereinander, gegenseitige Unterstützung, Wertschätzung und Anregungen, auch Erweiterung des Horizontes über das eigene Problem hinaus, sich verstanden und nicht allein fühlen. Trotzdem ist auch hier die Vereinbarung eines Ablaufs der Treffen von Vorteil. Vielleicht spricht jedes Mitglied zunächst einmal über die eigene aktuelle Lage. Vielleicht wird auch ein bestimmtes Thema abgemacht oder jemand hält einen Kurzvortrag mit anschliessender Diskussion. Es ist sinnvoll, Strukturen, die von allen getragen werden, und grundsätzlich einen klaren Ablauf der Treffen zu vereinbaren. Innerhalb von diesem Rahmen muss aber viel Spielraum für Gespräche über eigene und gemeinsame Anliegen bleiben.

Es empfiehlt sich für Mobbing-Betroffene, die sich für Selbsthilfe interessieren, nach Angeboten von Selbsthilfegruppen in der Region Ausschau zu halten.

Gruppendynamische Aspekte/ Johari-Fenster

Die Kenntnis gruppendynamischer Aspekte hilft vielleicht nicht direkt, aber durch das bessere Verstehen von Selbst- und Fremdwahrnehmung fördert sie das Bewusstsein für soziale Zusammenhänge und kann so wertvolle Anregungen für die Selbsthilfe geben.

Das gruppendynamische Modell Johari-Fenster wurde 1955 von den Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelt. Das Fenster wird in vier Felder geteilt:

Das Feld oben links steht für die öffentliche Person, alles darin ist ihr selbst und andern bekannt, es gibt keine Geheimnisse. Rechts oben ist der „blinde Fleck“, den die Person selbst nicht sieht, aber die andern.
Unten links ist „mein Geheimnis“, was die Person weiss, die andern jedoch nicht. Unten rechts schliesslich ist das Unbekannte, das sowohl der Person als auch den andern unbewusst ist.

Luft und Ingham entwickelten in diesem Zusammenhang ein Experiment mit 56 Adjektiven, von denen die Versuchspersonen 5 oder 6 auswählen müssen um sich selbst zu beschreiben, danach auch um ihre Kollegen zu beschreiben. Es ist normal, dass sich dabei Differenzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ergeben, was zu Störfaktoren in der Kommunikation führen kann. Zudem ist der obere öffentliche „bewusste“ Bereich naturgemäss kleiner, der untere geheime bzw. unbekannte Bereich grösser.

Allgemein war das Ziel der Autoren, Menschen dazu zu bewegen, Geheimnisse mit andern zu teilen, sowie Beobachtungen über blinde Flecken mitzuteilen. Wenn dies in einer wertschätzenden Atmosphäre möglich ist, werden Ängste abgebaut und Offenheit und Vertrauen im gegenseitigen Umgang gefördert.

Kommunikationspsychologie/ Vier-Ohren-Modell nach Friedemann Schultz von Thun

Bei diesem Modell geht es um die Art, wie Menschen sich zueinander in Beziehung setzen, wenn sie sich etwas mitteilen. Dabei werden vier Ebenen unterschieden:

  1. auf die Sache bezogen: Sachinhalt
  2. auf den Sprecher bezogen: Selbstoffenbarung
  3. auf die Beziehung bezogen: Beziehung zwischen Sprecher und Empfänger
  4. beabsichtigte Wirkung: Appell, was möchte der Sprecher erreichen?

Missverständnisse und Störungen der Kommunikation entstehen, wenn die vier Ebenen vom Sender und Empfänger unterschiedlich wahrgenommen werden.

Beim Sach-Apekt vermittelt der Sprecher Daten, Fakten, Sachverhalte. Der Hörer überprüft die Nachrichten nach Wahrheitsgehalt, Relevanz (wie wichtig ist die Nachricht?), Hinlänglichkeit (ausreichend/ergänzungsbedürftig).

Selbstoffenbarung: Jede Äusserung bewirkt eine nur teilweise bewusste Selbstdarstellung bzw. Selbstenthüllung (hier kommt wieder das Johari-Fenster, s.oben, ins Spiel).

Beziehungsebene: Hier kommt zum Ausdruck, wie Sender und Empfänger sich zueinander verhalten und gegenseitig einschätzen.

Appell: Offene Appelle sind Bitten und Aufforderungen. Bei verdeckten Appellen handelt es sich um Manipulation, die fast immer einen Störfaktor darstellen, auch wenn der Empfänger dies vielleicht nicht bewusst wahrnimmt.

Wenn es sich zeigt, dass die Kommunikation nicht befriedigend verläuft, jedoch einigermassen ein guter Wille von beiden Seiten vorhanden ist (das ist wichtig, weil dies bei Mobbing–Tätern meistens nicht der Fall ist!), empfiehlt sich ein Zurückkommen auf die meist einfachere Sach-Ebene, verbunden mit Ich-Botschaften. Denn in den Ich-Botschaften nehme ich alle Wahrnehmungen zu mir selbst („ich“ habe etwas so oder so aufgefasst oder empfunden) und greife damit den anderen nicht an, sondern biete ihm sozusagen wohlwollend einen Raum, um sich seinerseits zu äussern. So wirken Ich-Botschaften deeskalierend und fördern eine gute Zusammenarbeit und positive Beziehungen.

Freizeit

Für Mobbing-Betroffene ist es besonders wichtig, sich möglichst oft mit Dingen zu beschäftigen, die sie gerne tun, ihnen Freude bereiten. Dies können so unterschiedliche Hobbys wie Lesen, Wandern, Musik, Reisen usw. sein. Oder auch das Zusammensein mit Haustieren. Natürlich kann auch Sport jeglicher Art dazugehören (z.B. Laufen, Radfahren, Skifahren, Tennis usw.). Eine Einschränkung möchte ich bei Leistungssport ansprechen: Psychische Belastungen, wozu auch Mobbing-Probleme gehören, wirken sich meist negativ auf die Leistungsfähigkeit aus. Es empfiehlt sich daher eher, in solchen Phasen Sport mehr zur Freude und ohne allzu ehrgeizige Ziele zu betreiben.

Besonders bei guten Wetterbedingungen kann der Aufenthalt in der Natur sehr wohltuend sein. So ist es z.B. nachgewiesen, dass ungenügendes Sonnenlicht viel negativer auf die Gesundheit wirkt als zuviel Sonnenlicht – obwohl Letzteres eine gewisse Erhöhung der Hautkrebsgefahr mit sich bringt. Denn die gesundheitsfördernde Wirkung von massvoll genossenem Sonnenlicht, die damit verbundene Zufuhr von Vitamin D und Kalzium und die meist positive Beeinflussung der Stimmung ist viel grösser. Wenn wir empfänglich sind, können wir auch die wohltuenden Schwingungen von Pflanzen und Tieren aufnehmen und uns mit der Natur verbunden fühlen.

Vertrauenswürdige Beziehungen

Nicht irgendwelche Beziehungen, sondern die bewusste Pflege vertrauenswürdiger Beziehungen ist hilfreich für Mobbing-Betroffene. Es ist ein wichtiges Gegengewicht zu der Vertrauenskrise, die oft durch schlimme Mobbing-Erlebnisse (besonders verdecktes, mit Rufmord und Intrigen von hinten her operierendes Mobbing) ausgelöst wird. Es kann darum gehen, bestehende Beziehungen, die sich durch Werte wie Vertrauenswürdigkeit und ehrliche Zuneigung auszeichnen, zu vertiefen, oder auch entsprechende neue Beziehungen einzugehen. Wenn Mobbing etwas Positives bewirkt, dann ist es zumeist dies: Das Bewusstsein für den Wert und die Bedeutung von Vertrauen in Beziehungen wächst. Denn nur Beziehungen, in denen Vertrauen einen hohen Stellenwert hat, unterstützen ein positives Selbstwertgefühl und sind dadurch förderlich für unser Lebensglück.


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