Eine Therapie, die nicht überwundene traumatische Erlebnisse und deren Folgen ins Zentrum stellt, kann nur funktionieren, wenn sie die sehr enge Beziehung zwischen Körper und Seele miteinbezieht. Diese eigentlich altbekannten Zusammenhänge gelangen durch neuere Forschungen wieder vermehrt ins Bewusstsein: Wissenschaftlern der Universitäten Ulm und Konstanz gelang es, die Auswirkungen eines Traumas bis in die kleinsten Zellen zu verfolgen. Psychologen, Molekularbiologen und Mediziner (unter ihnen der renommierte DNA-Experte Alexander Bürkle) forschten dabei gemeinsam. Ihnen gelang der Nachweis, dass traumatische Erlebnisse in den Zellen Schäden an der DNA, also am Erbgut auslösen. Zugleich konnten sie zeigen, dass sich durch eine Psychotherapie nicht nur die seelischen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) lindern lassen. Sondern auch die Zahl der DNA-Schäden in den Zellen wurde deutlich kleiner. Die Idee zum Projekt stammte von der Psychologin Iris-Tatjana Kolassa, die damals an der Universität Konstanz forschte, mit der Hypothese, dass seelische Verletzungen das Immunsystem schädigen – was, wie wir sehen, sich mehr als nur bewahrheitet. Der Stress wirkt tief in die Immunzellen und in die Erbinformation der Zellen hinein. Der Körper wird täglich mit Tausenden von DNA-Schäden konfrontiert und der DNA-Experte Bürkle erklärt dazu: „Es gibt Reparaturvorgänge, die jeden Tag vollautomatisch ablaufen. Wenn sich aber die Schäden anhäufen, kann das für die Zellen und auch für die entsprechenden Organe sehr negative Konsequenzen haben.“

Somatic Experiencing SE nach Peter Levine

Die im obigen Abschnitt beschriebenen Forschungsergebnisse bestätigen und untermauern die Bedeutsamkeit der engen Beziehung zwischen Körper und Seele, die bereits vom Amerikaner Peter Levine, sozusagen ein Traumatherapeut der „ersten Stunde“, hervorgehoben wurde. Traditionell dachte man bei Traumatisierten zunächst an die Opfer und Zeugen von Unfällen, Gewalttaten und anderen schockierenden Ereignissen, oder an Kriegstraumatisierte. Bald schon zeigte sich die Bedeutsamkeit der Traumafolgestörungen auch bei Menschen, die länger dauerndem Stress ausgeliefert sind, z.B. durch eine schwierige Kindheit oder – wie wir heute sehen – eben auch durch Mobbing-Erfahrungen.

Der Biophysiker und Psychologe Dr. Peter Levine entwickelte in den 70er Jahren mit „Somatic Experiencing“, kurz SE genannt, eine speziell auf traumatisierte Menschen zugeschnittene Therapiemethode. Grundansatz: Unser Körper ist ein wahrnehmender, fühlender und wissender Organismus, der uns mit allen fühlenden Wesen verbindet. Er verfügt über eine angeborene Fähigkeit, von den Auswirkungen eines Traumas zu genesen. Wir können seine Weisheitsgabe empfangen, wenn wir lernen, die intelligenten Energien unseres Körpers zu transformieren und für unsere Heilung zu nutzen. Lernen können wir aus der Beobachtung von wilden Tieren, die nur selten traumatisiert sind, obwohl sie immer wieder starken Bedrohungen ausgesetzt sind. Sie können nach bedrohlichen Erfahrungen mittels einer ihnen innewohnenden Selbstregulation hohe Energiemengen aus ihrem Körper entladen. Damit besitzen die Tiere eine Art „eingebaute Immunität“ gegen Traumata, mittels derer sie, nachdem sie eine lebensbedrohliche Situation hinter sich haben, wieder ins normale Leben zurückkehren können. Bei uns Menschen ist es hingegen oft so, dass die durch ein Trauma aktivierte Erregung und Energie nur unvollständig abgeführt werden kann, immer wieder „hochkommt“ und quasi in unserem Nervensystem und dem ganzen Körper mehr oder weniger starke Spuren hinterlässt und sich festsetzt. Leider werden wir in unserer Gesellschaft oft regelrecht dazu animiert, uns wie Übermenschen zu verhalten. Währenddessen chronifizieren sich die Trauma-Auswirkungen immer mehr und die unabgeschlossenen Reaktionen erstarren in unserem Nervensystem. Erlösung ist erst in Sicht, wenn wir lernen, traumatische Erfahrungen anzuschauen und als Teil unserer Lebensbiografie anzunehmen.

Vier Traumakomponenten charakterisieren die Traumatisierung:

  1. Starke Erregung: Die Betroffenen finden keine Ruhe mehr, erhöhte Herz- und Atemfrequenz, Anspannung, Schlafstörungen und Angstgefühle sind typisch.
  2. Psychophysische Kontraktion: Die physische Kontraktion und erhöhte Anspannung ist mit einer Einschränkung unserer Wahrnehmung verbunden. Dadurch will der Organismus uns die Konzentration auf die Bedrohung erleichtern, damit wir optimal reagieren können.
  3. Dissoziation: Bei der Dissoziation zerbricht die Kontinuität des ganzheitlichen Empfindens. Ganze Zeitabschnitte versinken in Vergessenheit. Oft scheint die Seele nicht mehr in unserem Körper zu sein. Ein Teil von uns steht über oder neben uns und „schaut uns zu“.
  4. Erstarrung (Immobilität) bewirkt ein Gefühl der völligen Hilflosigkeit: Dies ist eine universelle biologische Reaktion auf übermächtige Bedrohungen. Man könnte Punkt 1, die Erregung, als „Gaspedal“ des Nervensystems bezeichnen, dann erfüllt die Erstarrung die Funktion einer Bremse. Anders als beim Autofahren treten bei einer traumatischen Reaktion Gaspedal und Bremse gleichzeitig in Aktion.

Heimtückischerweise sorgt die ständige Verteidigungsbereitschaft, in der viele Traumatisierte leben, gerade dafür, dass die Symptome stabil bleiben. Bekannt ist auch der Drang, ein Trauma durch Wiederholung von ähnlichen Situationen überwinden zu wollen. Ein Beispiel sind Frauen, die als Kind missbraucht wurden und später Prostituierte werden. Kindesmissbrauch führt übrigens sehr häufig zu ernsthaften Traumafolgestörungen.

Beim von Peter Levine entwickelten SE werden die Betroffenen einerseits nach den traumatischen Ereignissen befragt, andrerseits immer wieder in die Gegenwart zurückgeführt. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Wahrnehmen der gegenwärtigen Umgebung, das „Hier und Jetzt“ und v.a. die Förderung der Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wenn wir lernen, die dem Körper innewohnende Intelligenz zu nutzen, zu spüren, wann er sich angespannt fühlt oder auch gezielt Entspannung herbeizuführen, wird uns auch ein wertvolles Instrument zur Bewältigung traumatischer Erfahrungen in die Hand gegeben.

Narrative Expositionstherapie NET

Die NET ist diejenige Therapieform, die bei der eingangs erwähnten Forschung verwendet wurde, wo sich zeigte, dass bereits nach viermonatiger Therapie die am Anfang festgestellten DNA-Schäden deutlich verringert wurden. Die Versuchsteilnehmer waren schwer traumatisierte Flüchtlinge wie z.B. der Gambianer S. Sabally, der einen langjährigen Gefängnisaufenthalt mit schwerer Folter hinter sich hatte und auch später in Deutschland  unter starken Gefühlen von Angst und Bedrohung litt. Dazu kamen natürlich wenig bzw. gar nicht traumatisierte Kontrollgruppen aus ähnlichen Kulturkreisen.

Diese neuere Therapieform wurde von Maggie Schauer, Frank Neuner und Thomas Elbert an der Universität Konstanz entwickelt. Sie eignet sich für die Bewältigung von Traumen, die in der Vergangenheit liegen.

Die NET orientiert sich an einer Lebenslinie der Traumatisierten und hilft ihnen, sich chronologisch durch ihr Leben zu arbeiten. Denn das biografische Gedächtnis von Traumatisierten ist häufig zerrüttet. Mit stark negativen Gefühlen verbundene traumatische Erinnerungen werden angeschaut und dann bewusst an dem Ort der Vergangenheit verankert, wo sie hingehören, damit ihre Rolle in der Gegenwart nicht mehr so übermächtig ist. Es gab erstaunliche Erfolge auch bei schwerst Traumatisierten  und ganz „nebenbei“ (s. oben) konnte auch die richtige Funktion der Immunzellen wiederhergestellt werden.


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