Gerade in widrigen Situationen ist es immer wieder wichtig, sich selbst genügend Wertschätzung entgegenzubringen. Um es vorwegzunehmen: Das Buch „Die Kunst, sich wertzuschätzen“ des deutschen Psychotherapeuten Heinz-Peter Röhr handelt nicht von Mobbing-Tätern, von extremen Narzissten oder Psychopathen. Es behandelt hingegen „normale“, weil weit verbreitete Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls, die aus der frühen Kindheit stammen. Die beschriebenen Persönlichkeitsstrukturen sind noch keine „Störungen“, aber zeigen eine gewisse Anfälligkeit dafür. So werden z.B. Menschen mit depressiver Persönlichkeit als warmherzig, rücksichtsvoll, einfühlsam beschrieben, aber auch als Menschen, die Dinge schwer nehmen, zu Pessimismus neigen und ihre Bedürfnisse oft für andere opfern. Im Gegensatz dazu wirkt die narzisstische Persönlichkeit viel selbstbewusster, unter Umständen auch selbstverliebt – meist ist es jedoch eine Fassade, ein echtes Selbstwertgefühl fehlt. Ferner zeigen sich oft Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Empathiemangel. Weitere Beispiele sind die abhängige, die hysterische, die zwanghafte und die schizoide Persönlichkeit.

Wie wir schon seit der Erkenntnis von Sigmund Freud (Vater der Psychoanalyse) wissen, ist die frühe Kindheit prägend für unser Leben. In Bezug auf das Selbstwertgefühl weist Heinz-Peter Röhr darauf hin, dass dieses sich massgeblich in den ersten sechs Lebensjahren entwickelt. Die Haltung der Mutter zu ihrem Kind in der ersten frühen Phase hat Auswirkungen auf die gesamte Persönlichkeit, bis hinein in körperliche Strukturen und Abläufe. Dazu kommt die grundsätzliche genetische Veranlagung. Durch die moderne Hirnforschung ist inzwischen aber nachgewiesen, dass die Genstruktur durch die Umwelt beeinflussbar ist. Sie kann sich zum Beispiel durch Psychotherapie, Arbeit an der eigenen Person, Meditation usw. zum Positiven hin verändern.

Wie namhafte Psychologen (auch H.P. Röhr) lange glaubten, scheint es die „Unverletztlichen“ zu geben, die trotz frühen negativen Erfahrungen und schwierigsten Lebensumständen ein zufriedenes Leben führen, in der Fachsprache werden sie als „resilient“ bezeichnet. Resilienz bedeutet hier psychische Widerstandskraft. Doch neuere Forschungen (Christina Berndt sammelte viele Ergebnisse darüber) haben gezeigt, dass alle diese Menschen in ihrer Kindheit zumindest eine vertrauenswürdige Bezugsperson, welche nicht unbedingt ein Elternteil sein musste, besassen. Von gar nichts kommt also auch hier nichts. Aber diese mit genetischer Resilienz begünstigten Menschen benötigen vergleichsweise sehr wenig, um ihre psychische Stabilität und ihren Selbstwert zu wahren.

Geheime Programme

Sie entstehen in der frühen Kindheit, wenn die Entfaltung eines gesunden Selbstwertgefühls des Kindes behindert wurde. Beispiele:

Ich bin nicht willkommen: Dieses häufig bei ungewollten Kindern etablierte Programm führt im späteren Leben oft zu einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Sie können nicht glauben, dass sie wirklich geliebt und gemocht werden. Noch gravierender ist das Programm

Ich bin wertlos: Diese gravierende Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls findet sich verstärkt bei Menschen, die Misshandlungen, sexuellen Missbrauch und ähnliche schwere Traumatisierungen in ihrer Kindheit erlitten. Dieses Programm hat schwerwiegende Folgen wie depressive Zustände, Unruhe und Aggressionen, innere Leere.

Ich genüge nicht: Es gibt durchaus willkommene Kinder, die jedoch den Erwartungen der Eltern nicht entsprechen. Auch wenn irgendetwas gut gelungen ist, fragen sich diese Menschen immer wieder: War das gut genug, hätte das nicht noch besser sein können? Dies ist dann häufig der Boden für spätere Burnout-Zustände.

Ich bin nicht satt geworden/ zu kurz gekommen: Schon kleine Kinder beobachten, wie andere von ihren Müttern oder Vätern mit Liebe, Wärme und körperlicher Nähe versorgt werden. Oft erlebt ein Kind auch, wie Geschwister ihm vorgezogen werden. Das führt später häufig zu einem kaum stillbaren Hunger nach Zuneigung, Anerkennung, materieller Befriedigung und Erfolg.

Ich habe kein Recht auf meine Meinung/ meine Gefühle: Viele Kinder werden von dominanten Erziehungspersonen an einer selbständigen Meinungsbildung gehindert.

Oft versuchen Eltern auch, unerwünschte Gefühle ihrer Kinder wie z.B. Wut, Ärger oder auch Trauer, zu verhindern. Dies führt später zu Gefühlsblockaden, weil Betroffene nicht gelernt haben, sich auch einmal mit „schwierigen“ Gefühlen auseinanderzusetzen.

Ich bin schuldig: Das Erzeugen von Schuldgefühlen ist ein verbreitetes Mittel, um Kinder zu angepasstem Verhalten zu bewegen. Aber auch allgemein beziehen Kinder vieles, was schief läuft, auf die eigene Person. Sie fühlen sich z.B. „schuldig“, wenn der Vater die Familie verlässt, obwohl es in der Realität keinen Zusammenhang gibt. Im späteren Leben empfinden Betroffene oft Schuldgefühle auch in Situationen, wo diese nicht angebracht sind.

Gegenprogramme

Negative geheime Programme wie die oben erwähnten verursachen immer wieder seelischen Schmerz und wiederkehrende Schwierigkeiten. Nur zu verständlich, dass als Kinder davon Betroffene danach streben, diese hinderlichen Programme loszuwerden, sobald sie erwachsen werden. Not macht erfinderisch und so werden vielfältige Versuche unternommen, ein glücklicheres Leben zu führen.

Typische Gegenprogramme sind:

Leistung/ Erfolgssucht, Sucht nach Anerkennung, Perfektionismus, Helfen, sich hinter einer Maske verstecken, Anpassung/ Überanpassung.

Wer z.B. das (häufige) Programm Ich genüge nicht in sich trägt, wird in der Regel versuchen, mit Leistung zu überzeugen. Doch so entsteht leicht ein Teufelskreis, z.B. das Gefühl, immer mehr leisten zu müssen, um zu „genügen“. Die Betroffenen finden die Tür nicht, durch die sie gehen könnten, um zu einem besseren Selbstwert zu gelangen.

Neue Programme

Sobald der Geist auf ein neues Zeil gerichtet ist, kommt ihm vieles entgegen.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Geheime Programme haben Menschen in die Resignation oder in den Kampf geführt und wirkliche Befreiung wurde auch durch Gegenprogramme (s.o.) nicht erreicht. Wer verstanden hat, warum bisherige Bemühungen, das Selbstwertgefühl zu verbessern, erfolglos blieben, kann sich einer neuen Strategie annähern. Bestand der frühere Zustand lange Jahre, erscheint das zunächst schwierig. Es empfiehlt sich, mit Einfachem zu beginnen, z.B. bewusst im „Hier und Jetzt“ zu bleiben und sich zu sagen: „Jetzt genüge ich“. Entscheidend ist, sich diesem Gefühl ganz hinzugeben. Wichtig ist auch, immer mehr von der Neigung, sich selbst unter Druck zu setzen, Abstand zu nehmen. Mit dem neuen Programm sind wir viel gnädiger zu uns selbst und können sagen: „Ich genüge auch, wenn ich mich irre“. Letztendlich wird daraus Ich genüge immer. Weitere Beispiele: Aus Ich bin nicht willkommen wird Ich bin willkommen, aus Ich bin nicht satt geworden wird In mir ist alles, was ich brauche.

Wollen Sie die neuen Programme nicht ganz für sich allein einüben, können Sie sich z.B. durch eine Psychotherapie, den Austausch in einer Selbsthilfegruppe oder mit privaten Bezugspersonen unterstützen lassen. Auch Meditation kann helfen. Und ganz nebenbei verbessern Sie dabei die Resistenz gegen mobbing-bedingte Verletzungen, falls Sie davon betroffen sind.


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